Tagungsberichte

Tagungsbericht:

–> Tagungsbericht vom 11. und 12. Septemer 2009 als PDF

–> Tagungsbericht vom 05. September 2008 als PDF

Kurzzusammenfassung

Fachtagung: „Hinsehen – und dann?“
Psychische Folgen häuslicher Gewalt und erstes Treffen „Traumanetz Sachsen“
05.09.2008 im Deutschen Hygienemuseum Dresden
Eine Veranstaltung des Universitätsklinikums Dresden in Kooperation mit dem
Sächsischen Staatsministeriums für Soziales

Genau hinsehen, fachlich handeln und Betroffenen helfen waren inhaltliche Schwerpunkte und Zielstellung einer Fachtagung zum Thema „Psychische Folgen häuslicher Gewalt“ am 5. September 2008 im Deutschen Hygienemuseum Dresden. Die Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Dresdner Universitätsklinikums Carl Gustav Carus und das Sächsische Staatsministerium für Soziales luden Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen sowie aus Therapie-, Hilfs- und Beratungseinrichtungen ein, um über Hintergründe, Ursachen, Folgen und aktuelle Betroffenenzahlen zu informieren. Erfreulicherweise nutzten über 260 Teilnehmer der verschiedensten Professionen aus ganz Sachsen dieGelegenheit zum kollegialen Austausch und zur Bekräftigung weiteren Handlungs- und Forschungsbedarfs.

Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen
Die Sächsische Staatsministerin für Soziales, Christine Clauß, eröffnete die Tagung und machte eindringlich auf die größer werdende politische Bedeutung des Themas „häusliche Gewalt“ aufmerksam. Sachsenweit gibt es 18 Frauen- und Kinderschutzeinrichtungen, sieben Interventions- und Koordinierungsstellen und drei Täterberatungsstellen. In den sächsischen Interventions- und Koordinierungsstellen wurden 2007 1099 Opfer häuslicher Gewalt beraten. 95,5 Prozent waren Frauen. Die sächsische Polizei registrierte im Jahr 2007 insgesamt 1.790  Fälle von Straftaten im häuslichen Umfeld. Hier waren 82 Prozent der Opfer Mädchen und Frauen. Als oftmals erste Ansprechpartner für Opfer häuslicher Gewalt kommt Ärzten eine besonders wichtige Rolle im Hilfesystem für Betroffene zu. Doch obwohl jede fünfte in Deutschland lebende Frau im Laufe ihres Lebens häusliche Gewalt erleidet, berücksichtigt das deutsche Gesundheitssystem die damit einhergehenden gesundheitlichen Folgen bislang zu wenig.

Prof. Dr. med. Detlev Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden, zeigte sich bei seiner Begrüßung der Tagungsgäste vom großen Interesse und von der Interdisziplinarität des Publikums beeindruckt. Er unterstrich die Anstrengungen des Universitätsklinikums, die Aktivitäten des Traumanetz Sachsen nach Kräften unterstützen zu wollen. Prof. Dr. med. Peter Joraschky, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik, schloss die Tagungseröffnung.Er fokussierte die Bedeutung des Themas Gewalt für die Entstehung von physischen und psychischen Krankheiten.

Möglichkeiten der Sensibilisierung des Gesundheitssystems
Begegnet wurde diesem Problem in Deutschland erstmals vor fünf Jahren, als das S.I.G.N.A.L.-Interventionsprogramm seine Arbeit aufnahm. In diesem Modellprojekt wurde am Berliner Universitätsklinikum Charité die Fortbildung pflegerischen und medizinischen Fachpersonals zum Umgang mit Opfern häuslicher Gewalt erfolgreich erprobt. In ihren Vorträgen schilderte die wissenschaftliche Leiterin dieses Projekt Hildegard Hellbernd, mit welchen gesundheitlichen Folgen Opfer häuslicher Gewalt konfrontiert sind,was sich für Anforderungen an das Gesundheitssystem ergeben und welche Erfahrungenim S.I.G.N.A.L.-Interventionsprogramm gesammelt worden.

Psychische Gewaltfolgen
Die psychischen Folgen häuslicher Gewalt und anderer Traumata erläuterte der begeistert aufgenommene Vortrag von Lutz-Ullrich Besser, Traumatherapeut und Leiter des Traumazentrums Niedersachsen (ZPTN). Lutz-Ullrich Besser, einer der Pioniere der Traumatherapie in Deutschland, unterstrich die Wichtigkeit gezielten und fachgerechten Handels, um eine Chronifizierung des Leidens der Betroffenen zu verhindern. Neurobiologisches und bindungstheoretisches Wissen hilft die komplexe Symptomatik des Ausblendens bzw. Isolierens von Erinnerungsanteilen zu verstehen (dissoziative Anteile). Diese Erinnerungsanteile werden dadurch zwar zunächst weggeschoben (eingefroren), können so aber ein Eigenleben führen. Kleine Erinnerungskonfrontationen im Alltag eines Menschen aktivieren sie ohne eindeutigen Zusammenhang. Gerade dadurch wird die Katastrophe des Traumas immer wieder neu aktualisiert. Solche Reaktionen gemeinsam als „normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis“ zu verstehen, vorhandene Fähigkeiten und Stärken des Opfers wieder zu entdecken und nutzbar zu machen und sich den traumatischen Erlebnissen zu stellen, das heißt auch um Verlorenes zu trauern, ist Schwerpunkt spezieller Therapie. Unterschätzt werden die Behandlungserfolge, die dann möglich sind.

Verbesserung der Versorgungssituation in Sachsen
Der Nachmittag der Tagung widmete sich der Vernetzungsarbeit in der Versorgung traumatisierter Menschen, einer Initiative der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus. Es versteht sich als Hilfsmittel, um Betroffenen von traumatischen Ereignissen auf kurzem Weg fachgerechte Hilfe zukommen zu lassen. Eine Podiumsdiskussion mit Vertretern der verschiedenen Arbeitsbereiche von „Traumanetz Sachsen“ und anschließende Arbeitsgruppen als Diskussionsforen zu den Themen häusliche Gewalt, Kinder, Unfall und Gewaltverbrechen, Psychosozialer Notfall, Migration und Opfer rechtsextremer Gewalt erarbeiteten Perspektiven und Horizonte für eine gewinnbringende Netzwerkarbeit. Für die effiziente Hilfe und um eine Chronifizierung des Leidens der Betroffenen zu verhindern, ist es wichtig, dass die einzelnen Netzwerkteilnehmer über die Arbeit und Möglichkeiten der anderen Netzwerkteilnehmer informiert sind. Hierfür steht die Internetseite www.traumanetz-sachsen.de als Informationsplattform und Datenbank sowohl für Betroffene als auch für Helfer zur Verfügung.

Modellprojekt
Geplant sind weitere Netzwerktreffen und konkrete themenspezifische Projekte. Ein Modellprojekt häusliche Gewalt betreffend „Hinsehen – Erkennen – Handeln (aktive Hilfen) im Gesundheitssystem“ konnte bereits am 1. August seine Arbeit aufnehmen. Durchgeführt und wissenschaftlich begleitet wird das Projekt durch die Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik und das Institut für Rechtsmedizin (Medizinische Fakultät Carl Gustav Carus der TU Dresden). Das Projekt wird vom Sächsische Staatsministerium für Soziales gefördert und von der Gesellschaft für Wissens- und Techniktransfer der TU Dresden (GWT-TUD GmbH) unterstützt. Ziel ist, Fachkräften im Gesundheitswesen (Ärzte, Pflegekräfte, Hebammen, usw.) die Angst zu nehmen, im Verdachtsmoment nachzufragen und im Bedarfsfall in eine leitliniengerechte Beratung und Behandlung zu vermitteln. Sie sollen erkennen, dass Hinsehen keine Arbeit macht, wenn die bestehenden Hilfseinrichtungen bekannt sind und genutzt werden.

© Antje Isaak                       Autorin: OÄ Dr. Julia Schellong